Die Lehren des Römischen Karnevals

Alles mitnehmen, was geht

Goethe lässt es sich nicht nehmen, den Römern zuzusehen, wie sie kräftig Karneval feiern. Doch das Feiern schmeckt ihm nicht: betäubender Lärm, Tollheit in höchsten Graden, ungeheures Gedränge, Gefahren, Mutwilligkeit, aufgehobene Ordnung, Unanständigkeit. Diese Ausgelassenheit befremdet ihn. Er ist nicht einer von ihnen. Er ist nur ein Beobachter.

„Leben und leben lassen“ ist aber die Devise der Römer in diesen Tagen. Keine Grenzen, keine Unterschiede. Aufeinander zugehen. Miteinander leben und tollen. Alles ist erlaubt. Das Volk nimmt sich eben, was ihm nicht gegeben wird. Und ein Glockenton gibt den Startschuss, in einen Leichtsinn zu verfallen, vor dem man sich sonst im Laufe des Jahres zu hüten pflegt.

Der Trubel ist es wert, dass er dem Leser vor Augen geführt wird, meint Goethe. Nicht nur, weil das Gefühl auf seine Art und Weise faszinierend ist. Eine gewisse Kunst sieht Goethe in der treibenden Masse, ein Eigenleben in der Unordnung und in dem Getümmel, das er in einem solchen Ausmaß so noch nicht miterlebt hat.

„[…] so werden wir mitten unter dem Unsinne auf die wichtigsten Szenen unseres Lebens aufmerksam gemacht.“ (J. W. Goethe; Das Römische Karneval)

Das ganze Leben – ein Karneval

Er sieht noch tiefer. Sein künstlerischer Blick wird philosophisch und er entdeckt in der Masse Szenen des Lebens: Entstehung des Daseins, der Liebe, Schwimmen im Strom. Und manchmal wird man auch im Vorwärtskommen gebremst. Das Leben ist also wie das Römische Karneval: ungebremst, unübersichtlich und bedenklich. Alles ist flüchtig. Nur im Vorbeifliegen, wie gescheuchte Pferde, im Taumel des Wahnsinns wird das Dasein marginal wahrgenommen, doch an Gefahr grenzend am tiefsten empfunden, resümiert der reisende Goethe.

Doch Goethe wäre nicht Goethe, wenn er nicht seinen Lesern zum Schluss eine Weisheit ans Herz legte. Bedrückt soll trotzdem keiner angesichts des vergänglichen Lebens sein. Er erinnert uns: Der Augenblick ist wichtig. Gerade im Flüchtigen.

 

Rom-Blicke+Warketin.jpg
Irene Warkentin

 

Ich blicke auf Rom…

… mit dem Wunsch, es noch einmal zu sehen, aber nun Goethes Spuren folgend.

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