Goethes Reiseblog

Ein Dichter macht es vor

Die Ausstellung „Wunder Roms“ im Diözesanmuseum Paderborn zeigt viele Facetten und einen historischen Querschnitt der Geschichte dieser, ja schon fast magisch behafteten Stadt. Rom scheint ein Phänomen mit großer Anziehung zu sein, da die Stadt seit je her in allen möglichen Bereichen Erwähnung findet, wenn es um die Prägung von Idealen geht: Ob der Lifestyle an sich, die Einstellung der Bewohner, die Kunst, die Architektur, das Essen, der Genuss… Dort an Ort und Stelle scheint sich alles zu vereinen. Zumindest geben uns Romreisende, egal ob zur heutigen Zeit oder aus der Vergangenheit, durch ihre Berichte diesen Eindruck.

Im 18. Jahrhundert waren es nicht mehr nur die Kavaliersreisenden, die voller Euphorie und Visionen im Gepäck eine Reise nach Rom in Angriff nahmen. Es waren Künstler, Dichter und Denker, Archäologen und noch viele mehr. Und sie alle erzählen ihre eigene Romgeschichte und sie alle lösten eine noch größere Südensehnsucht mit der Idee der bella vita aus.

„Ein Reisender, der feine Empfindung genug hat, um durch die Schönheiten, woran die Natur in Italien so reich ist und welche die Kunst weit übertreffen, gerührt zu werden, der trifft in diesem Lande eine Menge von Szenen an, welche ihm die größte Abwechslung darbieten.“ (Johann Jakob Volkmann/Historisch-Kritische Nachrichten aus Italien (1770/71))

So wurde Rom immer mehr zu einer Art Pilgerstätte. Also kam auch Goethe nicht umhin seinen Sehnsüchten nachzugehen und seinem tristen Alltag zu entkommen: Zunächst hielt er die Eindrücke seiner fast zwei Jahre langen Italienreise mit zwei längeren Romaufenthalten in Tagebüchern fest. Erst etwa dreißig Jahre später verwandelte er die Aufzeichnungen in sein zweibändiges Werk „Italienische Reise“ als Teil seiner autobiographischen Schriften.

Was wäre, wenn Goethe erst jetzt zur heutigen Zeit seine Italienreise gemacht hätte?

– Richtig! Er wäre erfolgreicher Reiseblogger.

Die heutige Jugendgeneration postet ihre Begeisterung auf Twitter, Facebook und Co. und nutzt diese Medien als Sprachrohr. Ihre scheinbar ideale Welt wird mit Momentaufnahmen untermauert, um die Reiseeindrücke nach außen hin komplett zu machen. Für den Moment.

Goethe dagegen griff selbst zu Zettel und Stift, hielt seine Erlebnisse sowie auch seine visuellen Erfahrungen bildlich und schriftlich fest. Das Wahrnehmen und Erleben besonderer Augenblicke machte er zum Gegenstand und formte damit seinen vermeintlichen Reisebericht dokumentarisch, künstlerisch, aber auch subjektiv.

„Wie moralisch heilsam ist mir es dann auch, unter einem ganz sinnlichen Volke zu leben, über das so viel Redens und Schreibens ist (…)“ (J.W. Goethe/Italienische Reise)

Damit stellt er nicht nur einen einzigen Moment heraus, der die Vision eines perfekten Lebens zeigt, wie es heute auf den Social-Media-Kanälen der Fall ist. Nein – er macht ein Miterleben möglich, da seine Überzeugung aus dem Erlebten heraus gewachsen ist. Seine Begeisterung ist das Konzept und das macht sein Werk so nachvollziehbar und einzigartig.

„Mir wenigstens ist es, als wenn ich die Dinge dieser Welt nie so richtig geschätzt hätte als hier.“ (J.W. Goethe/Italienische Reise)

Goethe vereinigt seinen subjektiven Blick mit einem historischen Zeugnis und verewigt dies in einem literarischen Text im Stil eines Reiseberichts. Somit hat er eine neue Form geschaffen. Für mich wäre er heute DER Reiseblogger schlechthin!

 

Foto Schmelzer Reiseblogs
Julika Schmelzer

Ich blicke auf Rom…

… mit einer ehrfürchtigen und faszinierten Distanz,mit dem Wunsch dorthin zu reisen,aber mit der Angst nach all der Begeisterung enttäuscht zu werden.

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